ANSPRUCHSVOLL UND ÜBERZEUGEND: JUGENDGOTTESDIENST ZUM AUFTANKEN

Neue Wege zum Glauben im Themenpark „Glaube und Spiritualität“

Michelstadt. 8.6.2012. Glauben erleben. Ohne Zwang nach Spuren des Glaubens fragen und Antworten bekommen. Erfahren, dass zwischen Bibel, Gott und Jesus Christus und den Menschen eine Verbindung besteht. Das solches möglich ist, will der Themenpark „Glaube und Spiritualität“ auf dem Jugendkirchentag in Michelstadt zeigen. Rund um die katholische Kirche sind dazu verschiedene Aktionen vorbereitet, Möglichkeiten zu Gesprächen vorbereitet und Spielflächen eingerichtet. Aber das vielleicht Interessanteste findet beim Jugendgottesdienst im Untergeschoss der Kirche statt, der die Liebe und den Trennungsschmerz thematisiert und ein liturgisches Kunstwerk darstellt.

„Das Betreten des Themenparks könnte dein Leben verändern. Du kannst sicher sein: You’ll never walk alone!“ Große Plakate weisen den Besuchenden den Weg zum Themenpark. Der CVJM lädt ein zum Kistenklettern, das große Geschicklichkeit erfordert. Der Bibelvers „Ich lasse Dich nicht fallen und verlasse Dich nicht“ aus dem Josuabuch (Kapitel 1, Vers 5) auf großen Fahnen macht Mut, gut gesichert den Aufstieg auf die wackeligen Getränkekisten zu versuchen. Im Lutherzelt der Evangelischen Jugend, das ein wenig an einen Mittelaltermarkt erinnert, finden Besuchende Informationen zu Martin Luther und den Ursprüngen der Reformation. Und bei der Aktion „pimp your faith“ bekommt man kleine Kärtchen mit Rezepten, um den eigenen Glauben voran zu bringen. „Bodyprayer – Bete mit dem ganzen Körper“, ist eine Überschrift, eine andere lautet: „Lob Gott unter der Dusche.“

Richtig spannend wird es jedoch in der katholischen Kirche, die zu einem Glaubenserlebniszentrum umfunktioniert ist. Oben im Gottesdienstraum ermöglicht ein Pilgerweg den jungen Besucherinnen und Besuchern, unterschiedliche geistliche Erfahrungen zu machen. Sie stellen sich geduldig an, um in Kutten gehüllt blind an Seilen entlang zu gehen, barfuß über verschiedene Materialien zu gehen oder sich einmal in Ruhe niederzulassen. Währenddessen beginnt im Untergeschoss ein Jugendgottesdienst, der danach fragt, warum Liebe manchmal so weh tut. „Herzscheiße“ lautet der Titel des „Gottesdienstes zum Auftanken“ aus der Reihe „Rechurch“, verantwortet von der Jugendarbeit im Evangelischen Dekanat Kronberg.

Als Experiment verstehen die Macher um Pfarrer Jan Spangenberg, den Theatermacher Uwe Hausy vom Zentrum Bildung und die Pädagogin Birke Schmidt die Veranstaltung am Nachmittag des zweiten Tags des Jugendkirchentags. Sonst ist die Gottesdienstreihe „Rechurch“ – Name und Logo lassen „Recharge“, das Wiederaufladen einer Batterie, anklingen – im Kulturbahnhof Kelkheim zuhause. Jetzt ist sie im katholischen Kirchenkeller angekommen. Langsam füllt sich der Gottesdienstraum mit jugendlichen Besucherinnen und Besuchern, sie werden eine außergewöhnliche und anspruchsvolle Gottesdienststunde miterleben. Musikalisch begleitet die Band Dejavu mit Jakob Friederich die Feier, darstellerisch die Theatergruppe „Traumfänger“.

Texte aus der biblischen Offenbarung, anspruchsvolle und exzellent gespielte Musik, Theaterszenen über Liebe, Enttäuschung und Neubeginn, Fürbitten und eine professionelle Regie prägen den Gottesdienst. Er thematisiert Emotionen und erzeugt Gefühle, zeigt tiefe menschliche Bewegungen. Und nimmt sich der alltäglichen wie außergewöhnlichen Themen Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, Unsicherheit und Neubeginn an. Statt einer traditionellen Predigt übernehmen liturgische und literarische Texte, Szenen und Musik den „Wort-Transport“, wie Uwe Hausy erläutert. Und die Gemeinde kann mit Fürbitten antworten, die zum Teil des Abschlussgebetes werden.

Die Gottesdienstform „Rechurch“ ist ein Erlebnis. Die Musik, aktuelle Poptitel, werden gekonnt mit rauchiger Bluesstimme dargeboten. Die Theaterszenen sind professionell inszeniert, die Darstellerinnen überzeugend. Und die geistliche Botschaft lässt Raum eigene Fragen und Antworten einzubringen. Der Gottesdienst sei mit viel Freiheit und Spaß an der Entwicklung vorbereitet worden, berichtet Pfarrer Spangenberg. Sicher verlassen auch viele der jugendlichen Besucherinnen und Besucher mit dem Gefühl den Kirchenkeller, dass das Experiment geglückt ist. Der Versuch, sich Neuem zu öffnen, ist neue Wege gegangen. So können Menschen tatsächlich den Glauben neu erleben.

Martin K. Reinel, 8.6.2012

Geschrieben am 28.10.2013, 15:15 Uhr