AUCH IM NETZ SIND NAZIS NICHT IMMER ERKENNBAR

Mal treten sie offen auf, mal unter dem Deckmäntelchen populärer Themen, aber immer ist es ihr oberstes Ziel, gerade junge Menschen für ihr faschistisches Gedankengut zu gewinnen: Hatte der Jugendkirchentag noch vor zwei Jahren über das Thema „Schulhof-CDs als rechte Propaganda“ diskutiert, ging es in diesem Jahr in Michelstadt im Themenpark „Onlinewelt und Offlinewelt“ um die offensichtlichen und versteckten Umtriebe von Rechtsextremen in der digitalen und der analogen Welt.

Michelstadt (kai/eöa) – Im Rahmen der Ausstellung „Versteckspiel“, die die Evangelische Jugend Darmstadt-Land zusammen mit der Kinder- und Jugendförderung des Odenwaldkreises und des regionalen Netzwerks „Bunt statt Braun“ auf den Jugendkirchentag geholt hatte, informierten sich Haupt- und Ehrenamtliche in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit am Samstag bei einem Vortrag des Kasseler Soziologen Helge von Horn darüber, wie und mit welchen Themen und Medien sich rechte Gruppen aktuell in der Öffentlichkeit bewegen.
Der Experte für „rechtsextreme Symbole und Strategien“ sieht Rechtsextremismus als „ein breit gefächertes Phänomen mit vielen, auch medialen Erscheinungsformen“. Bei den organisierten Nationalen seien es heute vor allem die Kreis- und Bezirksverbände der NPD und ihrer Jugendorganisation, der „Jungen Nationaldemokraten“. Noch gefährlicher, weil mangels fester Struktur schwer erkennbar, seien aber so genannte „freie Kameradschaften“, die sich „zunehmend radikalisieren, während sich die NPD gern einen seriösen, massenkompatiblen Anstrich gibt“.
Zu deren „massenmilitantem Auftreten“ gehöre das martialische Erscheinungsbild: „Glatzen sind als rechte Modeform wieder im Kommen, vor allem im Sommer; allerdings sind die Stile deutlich vielfältiger geworden.“ Das Auftreten bei Demonstrationen als „schwarzer Block“ hätten diese Gruppen kurzerhand von ursprünglich linksautonomen Gruppen adaptiert, ebenso wie Teile linksautonomer Symbolik. Kombiniert mit einschlägig von der rechten Szene verwendeten Modelabels – von „Lonsdale“ über „Thor Steinar“ oder „Erik & Sons“ bis hin zu „Consdaple“ – beherrschten die Rechten die zweifelhafte Kunst, bei Bedarf gut erkennbar zu sein, ansonsten aber im Verborgenen zu agieren.
Gefährlich sei auch die Agitation der Neonazis im Internet: Dort nutzen entsprechende Personen und Vereinigungen zunehmend soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, um für Neonazi-Gedankengut zu werben. Dies indes nicht immer offenkundig: Die Agiteure bedienten sich – so der Kasseler Professor – häufig unauffälliger bis populärer Themen, um erste Kontakte zu knüpfen: vom Afghanistan-Krieg über Tierrechte, Klimaschutz und Nachhaltigkeit bis hin zu veganer Ernährung. „Wer den Absender einer Botschaft im Internet nicht genau kennt, sollte genauer hinschauen“, rät von Horn jungen Leuten, die sich im Web 2.0 bewegen.
Dabei ist das Internet ein idealer Nährboden für die perfide Nachwuchsarbeit der Rechten: „Sympathisanten bietet es einen leichten, anonymen Einstieg, und es hilft bei der Vernetzung sowie dem Austausch von aktuellen Infos und Nachrichten, der Bereitstellung von Propagandamaterialien oder der Organisation von Konzerten oder Kundgebungen.“ Gefährlich werde dies meist vor allem den Menschen, in deren Umfeld ohnehin rechte Vorurteile oder ein demokratiefeindliches Weltbild vorherrschten.
Eine nicht ganz neue, aber wichtige Zielgruppe der rechten Szene sind junge Frauen, deren Anteil in „Freien Kameradschaften“ inzwischen auf 20 Prozent geschätzt wird. Dabei sei „die oft propagierte Entfernung vom nationalsozialistischen Frauenbild in der Regel ein Lippenbekentnis. Das Weltbild ist und bleibt das Gleiche“. Weil die Missbilligung ihrer Partnerinnen ein Grund für junge Männer sei, den Ausstieg aus der rechten Szene zu vollziehen, bieten entsprechende Organisationen mittlerweile schon „szeneinterne Kuppelbörsen“ im Internet an, „bei denen man dann unter Seinesgleichen bleibt“.
Kampagnen- und Eventseiten, rechte Filmchen auf Youtube oder Facebook-Gruppen, Online-Shops oder Twitter-Nachrichten zu Demo-Strategien oder dem Weg zu einem verbotenen Konzert: „Die Rechten sind im Internet sehr, sehr weit verbreitet“ – knapp 2.000 rechte Seiten zählen Extremismusforscher derzeit im Netz. Die einschlägigen Beiträge in den sozialen Netzwerken haben sich in den letzten fünf Jahren auf ca. 8.000 pro Jahr vervierfacht. Ein besonders perfides Beispiel sei die von NPD-Kreisen lancierte Facebook-Seite „Keine Gnade für Kinderschänder“, die es auf weit über 100.000 „Likes“ gebracht habe. Auch rechte Blogs nähmen deutlich zu.
Eine gewisse Trägheit von Facebook und Co. bei der Verfolgung und Schließung solcher Seiten machten sich die Neonazis dabei zu Nutze. „Dennoch sollten User in jedem Fall zweifelhafte Beiträge melden“, rät Helge von Horn. Je mehr Leute dies täten, desto eher kümmere sich der Anbieter darum. Wesentlich Erfolg versprechender ist seiner Ansicht nach die Meldung bei „www.jugendschutz.net“. Das Portal der Landeszentralen für politische Bildung reagiere schnell und habe einen guten Draht zu Netzwerkbetreibern, Serveranbietern und Staatsanwaltschaften.

 

  • Geschrieben am: 13.06.2012, 11:25 Uhr

Geschrieben am 28.10.2013, 15:20 Uhr