KIRCHENPRÄSIDENT: „NICHT AUF UNBEGRENZTES WACHSTUM SETZEN!“

Kirchenpräsident Jung fordert bei Bibelarbeit die Einhaltung der Menschenrechte

Michelstadt. 8.6.2012. Kirchentagsstimmung: Das Zelt ist vollbesetzt, es gibt Beifall für die Bibelauslegung, die Atmosphäre ist konzentriert andächtig und gleichzeitig freudig ausgelassen. Die Lieder erklingen in unterschiedlichen Sprachen und beim Halleluja stimmen alle fröhlich ein. Im Park hinter der Stadthalle von Michelstadt steht das weiß Zelt des „Global Youth Village“, in dem Kirchenpräsident Volker Jung am ersten Morgen des 6. Jugendkirchentags der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) die Bibelarbeit hält.

Thema ist der biblische Schöpfungsbericht aus dem ersten Buch Mose. Der Kirchenpräsident sagt, es sei schon eine kleine Zumutung für die jungen Zuhörenden, am Morgen nach dem Auftaktfest des Jugendkirchentags diese Bibelarbeit mitzumachen. Aber die jungen Leute, ab 14 Jahren aufwärts, unter ihnen ökumenische Gäste aus den Partnerkirchen der EKHN, folgen den Worten Jungs gespannt und interessiert.

Der Mensch habe als Ebenbild Gottes eine besondere Würde und Verantwortung, mit der Natur und der Umwelt umzugehen, so Kirchenpräsident Jung: „Gott traut dem Menschen zu, sorgsam mit dieser Welt umzugehen.“ Und weiter: „Ich bin überzeugt: Wir werden unserem Auftrag und unserer Verantwortung nicht gerecht, wenn wir in einer begrenzten Welt auf unbegrenztes Wachstum setzen. Es ist nötig, in vielen Bereichen umzusteuern, und zwar wirklich umzusteuern. Das ist eine große Aufgabe für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.“

Eine Neuausrichtung sei aber auch immer eine Frage an den persönlichen Lebensstil, sagte Jung: „Im Moment stellen viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet fest, wie unerträglich der Fluglärm geworden ist. Natürlich ist das Fliegen eine wunderbare Art sich fortzubewegen. Es hat uns viele Möglichkeiten erschlossen. Aber natürlich muss man fragen, ob der Einkaufstrip nach London oder New York mit dem Flugzeug wirklich sein muss.“

Der Kirchenpräsident hatte gleich zu Beginn sehr deutlich gemacht, dass die biblische Schöpfungsgeschichte keine exakte Beschreibung der Entstehung der Welt sei. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse hätten gezeigt, dass die Welt über einen viel längeren Zeitraum entstanden sei, vermutlich habe es am Anfang so etwas wie einen Urknall gegeben. Vielmehr seien die Schöpfungserzählungen ein Glaubensbekenntnis. Kirchenpräsident Jung: „Sie sagen: Diese Welt ist kein Zufall. Diese Welt ist gewollt. Sie ist von Gott gewollt, und zwar von dem einen und einzigen Gott.“ Und weiter: „Gott hat diese Welt geschaffen! Das ist immer eine Aussage des Glaubens. Die kann von der Naturwissenschaft weder bewiesen noch widerlegt werden.“

Zugleich habe die Schöpfungsgeschichte noch eine zweite Absicht, so Jung: „Sie sagt auch, warum und wozu Gott den Menschen schuf.“ Der Mensch sei ein von Gott auf besondere Weise begabtes Wesen und habe mehr Möglichkeiten als alle anderen Kreaturen: „Menschen sind Ebenbilder Gottes.“ Allerdings hätten die Menschen diesen Gedanken oft missverstanden, „einmal in der Ausbeutung der Natur durch die Menschen und auch in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.“ Jung erinnerte in diesem Zusammenhang an die „grauenhafte Weise“,  in der in der Nazizeit  Menschen für sich das Recht ableiteten, andere Völker zu vernichten.

Den jungen Zuhörenden sagte der Kirchenpräsident: „Es ist so wichtig, immer genau hinzuschauen. Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes – egal welcher Herkunft, egal welcher Religion oder Glaubens.“ Dabei erinnerte der Kirchenpräsident an die allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Es sei längst nicht so, dass alle Menschen diese Rechte in Anspruch nehmen könnten. Auch in Deutschland würden Menschenrechte immer wieder verletzt. Jung: „Ich halte es für die Pflicht jeder Christin, jedes Christen, allem entgegenzutreten, was Menschen in ihrer Würde verletzt. Dazu gehört für mich auch jede Form von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus.“

Die zuhörenden Jugendlichen folgten den Gedanken von Kirchenpräsident Jung gespannt und dankten für seine Ausführungen mit Beifall.

Martin K. Reinel, Öffentlichkeitsarbeit der EKHN, 8.5.2012

Geschrieben am 28.10.2013, 15:17 Uhr