WIRD ES HALTEN?

Michelstadt, 9. Juni 2012 (kai/eöa) – Für den Themenpark „Liebe und Freundschaft“ hätte sich ein romantischeres Fleckchen Erde in Michelstadt kaum finden lassen: Während zum Stundenläuten vom Stadtkirchenturm „Üb immer Treu‘ und Redlichkeit“ schallt, sammeln sich am Vormittag im schattig-grünen Burggarten Teens und Twens, um mit Teamern und Experten des Jugendkirchentags „go(o)d days“ den großen Gefühlen und bangen Fragen rund um die Themen „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“ nachzuspüren.

„Liebe ist…“ steht in großen, handgemalten Lettern über der Riesenleinwand am Eingang zum Themenpark-Gelände. Darunter können junge Leute ihre persönliche Definition des „Big L“ auf vorgemalten Puzzleteilchen hinterlassen: Was für die einen Facebook, Mc Donald’s und Borussia Mönchengladbach, ist für andere „Die Familie“, „Laura und Nele“ – oder kurz, bündig und so, wie es Generationen von Teenagern in  Lindenrinden oder Schulbänke ritzten: „B+L“.

Drumherum können Jugendliche und junge Erwachsene im Themenbereich „Liebe und Freundschaft“, den das Evangelische Jugendwerk (EJW) in Hessen betreut, ihren Gefühlen an etlichen Stationen auf die Spur kommen und ihnen freien Lauf lassen: Eine dieser Gelegenheiten ist das „Flirt-Café“, in dem Teens und Twens Wellness rund um Körper, Herz und Seele tanken können. Die frisch gebackenen Waffeln von der Bistrotheke – natürlich in Herzform – kann man dann im Liegestuhl genießen und den anderen dabei zuschauen, wie sie etwa am Kletterturm erleben, was Liebende jeden Alters auch am Beginn einer neuen Beziehung brauchen: „Mut haben, sich überwinden, was Neues ausprobieren und: viel Vertrauen“ – Conny Habermehl, Jugendreferentin beim EJW Frankfurt, kennt die Herausforderungen, die gerade junge Leute vom ersten Blick über den ersten Kuss bis zur ersten Trennung erleben. Und in der steilen Wand, nur von einer Person über ein Seil gesichert, macht man annähernd das durch, was Liebende umtreibt: „Wird es halten?“ ist in beiden Fällen die bange Frage.

Im Zelt kann man denn auch witzige Flirtsprüche hinterlassen oder zwei Schaufensterpuppen – klassisch: Männlein und Weiblein – fürs erste Date anziehen. „Das sind gute Gelegenheiten, mit Jungs und Mädchen ins Gespräch zu kommen über die Fragen, die sie bewegen“, meint die Sozialpädagogin, die die Erfahrung macht, „dass die Leute hier mit den ganz intimen Fragen wohl doch eher mit Freunden oder ihren Gruppenbetreuern reden, aber trotzdem viel Interesse an unserem Thema mitbringen“.

Ganz anders am Stand des Diakonischen Werks etwas oberhalb. Dort informiert unter anderem Antje Scheibel mit Kolleginnen und Kollegen vom Arbeitskreis Sexualpädagogik der Diakonie in Hessen und Nassau über alle Fragen rund um Körper, Sexualität und Verhütung. „Wir sind hier sehr nachgefragt, und mir scheint unsere Anwesenheit effektiver als etwa der Besuch in einer Schulklasse“, sagt die Beraterin des DW. „Denn hierher kommen sie freiwillig und sind mit Freundinnen und Freunden in einer geschützten Atmosphäre. Cool sein und Sprüche klopfen, das gabs bei uns am Stand bisher fast gar nicht.“ Stattdessen „stellen wir fest, dass Besuche bei uns oft im Vorbeigehen „auch Gruppenprozesse auslösen“, sprich: Die Begegnung wirkt weiter, und Jungen und Mädchen sprechen unterwegs über die Impulse und Infos, die sie bei der Diakonie bekommen haben.

Viele junge Leute seien schon gut aufgeklärt, andere sind schon ein bisschen froh, auch außerhalb einer Beratungsstelle mal einen Profi anzutreffen, der über Körperliches und Seelisches informiert und als Gesprächspartnerin zur Verfügung steht. „Hier ist die Kontaktschwelle bei weitem nicht so hoch wie in unserem Büro“, und trotzdem geht Antje Scheibel davon aus, „dass wir quasi für den Ernstfall auch die Diakonie als Beratungsstelle für junge Leute mit Sorgen oder Nöten bekannter machen“.

Auf eine nur auf den ersten Blick unpersönlichere Ebene begeben sich René Eisenacher und seine Teamer-Kollegen am Facebook-Stand. Die jungen Leute dort haben sich in der Vorbereitung das Thema „Beziehungen in sozialen Netzen“ überlegt und kreativ umgesetzt: Am Beispiel des Facebook-Users René Rost werden junge Leute, die in sozialen Communitys unterwegs sind, angeregt, sich über den Umgang mit dem Begriff „Freundschaft“ im Netz auseinanderzusetzen. Der erwünschte Lerneffekt nach Freundschaftsparcours und Vertrauensübungen: „So cool, wie Facebook und Co. sein mögen – überleg Dir vorher, welche Inhalte Du mit wem wirklich teilen möchtest, und was Deine wahren, intensiven Freundschaften eigentlich ausmacht.“

 

  • Geschrieben am: 9.06.2012, 08:01 Uhr

Geschrieben am 28.10.2013, 15:18 Uhr